Berlinmomente
Straßenszene in einem Berliner Kiez mit Altbauten, Bäumen und Passanten
Rubrik 01

Kieze

Berlin ist keine Stadt, sondern ein Verbund von Dörfern, Vorstädten und Industriesiedlungen, die 1920 zusammengelegt wurden. Jeder Ortsteil hat sein eigenes Gedächtnis. Sechs Porträts.

Foto: Songyang / Unsplash

Das Wort „Kiez“ bezeichnete ursprünglich kleine Siedlungen am Rand mittelalterlicher Städte, in denen Fischer oder Dienstleute lebten. Heute meint es in Berlin das Wohnviertel vor der eigenen Haustür: ein paar Straßen, ein Platz, eine Kneipe, ein Bäcker. Die Grenzen sind unscharf, die Loyalität ist groß. Die folgenden sechs Porträts folgen den amtlichen Ortsteilen, aber sie erzählen von den Kiezen darin.

Bezirk Pankow · eigener Bezirk 1920–2000

Prenzlauer Berg

Kaum ein Berliner Ortsteil hat sich seit 1990 so gründlich verwandelt wie der Prenzlauer Berg. Entstanden ist er im späten 19. Jahrhundert als dicht bebautes Mietskasernenviertel für Arbeiterfamilien, die in die wachsende Industriestadt strömten. Sein ältestes Wahrzeichen ist der Wasserturm an der Knaackstraße, 1877 fertiggestellt und bis 1952 in Betrieb; in seinen unteren Geschossen wird bis heute gewohnt. In der DDR verfiel der Bezirk, Kohleöfen und bröckelnder Putz prägten das Bild, zugleich wurde er zum Rückzugsort für Künstler und Oppositionelle, die sich rund um die Gethsemanekirche trafen. Nach der Sanierung der 1990er und 2000er Jahre gilt er heute als Inbegriff des bürgerlichen Berlins: Kollwitzplatz, Helmholtzplatz und die Kastanienallee sind Orte für Wochenmärkte, Cafés und Kinderwagen. Wer die alte Rauheit sucht, findet sie noch im Kulturbrauerei-Areal und am Mauerpark, wo die Grenze einst verlief.

  • Wasserturm
  • Kollwitzplatz
  • Helmholtzplatz
  • Mauerpark
  • Kulturbrauerei
  • Gethsemanekirche

Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg · eigener Bezirk 1920–2000

Kreuzberg

Seinen Namen hat Kreuzberg von einem 66 Meter hohen Hügel im heutigen Viktoriapark, auf dem Karl Friedrich Schinkels Nationaldenkmal für die Befreiungskriege steht, enthüllt 1821. Der Ortsteil selbst entstand 1920 aus der Tempelhofer und der Luisenstadt-Vorstadt und war über Jahrzehnte das Herz des West-Berliner Alternativmilieus. Weil die Mauer ihn an drei Seiten einschloss, blieben die Mieten niedrig; türkische Einwandererfamilien, Studierende, Hausbesetzer und Künstler prägten den Stadtteil rund um Kottbusser Tor, Oranienstraße und Görlitzer Park. Der 1. Mai ist hier seit 1987 ein eigenes Kapitel Stadtgeschichte. Der westliche Teil um Bergmannstraße und Chamissoplatz ist ruhiger, gründerzeitlich, mit einem der besterhaltenen Altbauensembles der Stadt. Verbindendes Element ist der Landwehrkanal, an dessen Ufern sich zwischen Admiralbrücke und Urbanhafen an Sommerabenden halb Berlin versammelt.

  • Viktoriapark
  • Kottbusser Tor
  • Oranienstraße
  • Bergmannstraße
  • Landwehrkanal
  • Görlitzer Park

Bezirk Neukölln · bis 1912 Rixdorf

Neukölln

Bis zum 27. Januar 1912 hieß Neukölln Rixdorf – und Rixdorf hatte einen Ruf. Die Umbenennung sollte das Image des Vergnügungsviertels abschütteln, das in Berliner Gassenhauern verewigt war. Die eigentliche Besonderheit des Ortsteils ist aber älter: 1737 erlaubte König Friedrich Wilhelm I. böhmischen Glaubensflüchtlingen die Ansiedlung, und das „Böhmische Dorf“ rund um die Richardstraße existiert mit Dorfkirche, Kirchhof und kleinen Höfen bis heute, mitten in der Großstadt. Neukölln wuchs um 1900 explosionsartig und zählte 1930 über 278.000 Menschen. Lange galt der Norden um Hermannplatz und Sonnenallee als Problembezirk; seit den 2010er Jahren ist er zugleich eines der lebendigsten Viertel Berlins mit arabischen Bäckereien, Galerien und Kneipen am Weserstraßen-Kiez. Ruhepunkte sind der neobarocke Körnerpark, eine versenkte Gartenanlage aus den 1910er Jahren, und das Tempelhofer Feld an der Westgrenze.

  • Böhmisches Dorf
  • Richardplatz
  • Körnerpark
  • Hermannplatz
  • Weserstraße
  • Sonnenallee

Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf · eigenständige Stadt bis 1920

Charlottenburg

Charlottenburg war bis 1920 eine eigene, wohlhabende Stadt und benimmt sich bis heute ein wenig so. Ihr Ursprung ist ein Schloss: 1695 beauftragte Kurfürstin Sophie Charlotte den Architekten Johann Arnold Nering mit einer Sommerresidenz am Dorf Lietzow; nach ihrem Tod 1705 erhielten Schloss und Siedlung ihren Namen. Im Kaiserreich wurde Charlottenburg zur reichsten Stadt Preußens, mit Technischer Hochschule, Oper und den Prachtstraßen Kurfürstendamm und Tauentzienstraße. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 1895 eingeweiht und 1943 ausgebrannt, blieb als 71 Meter hohe Turmruine stehen – neben ihr Egon Eiermanns blau verglaster Neubau von 1961. In der Teilungszeit war die „City West“ das Schaufenster West-Berlins; nach 1990 verlor sie an Glanz, bevor sie mit neuen Hochhäusern am Breitscheidplatz zurückkehrte. Zwischen Savignyplatz und Schlosspark liegt das bürgerliche, großzügig gebaute Charlottenburg der Buchhandlungen und Hinterhofgärten.

  • Schloss Charlottenburg
  • Kurfürstendamm
  • Gedächtniskirche
  • Savignyplatz
  • Breitscheidplatz
  • Lietzensee

Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg · eigener Bezirk 1920–2000

Friedrichshain

Friedrichshain ist nach seinem Park benannt – und der Volkspark Friedrichshain, ab 1846 nach Plänen von Gustav Meyer angelegt, war die erste kommunale Parkanlage Berlins. Zwei Trümmerberge aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs, der 78 Meter hohe „Mont Klamott“ und sein kleinerer Nachbar, erinnern an die Zerstörung des Arbeiterviertels. Danach wurde Friedrichshain zum Schaufenster des Ostens: Entlang der Stalinallee, seit 1961 Karl-Marx-Allee, entstanden ab 1952 die „Arbeiterpaläste“ im Zuckerbäckerstil, und am 17. Juni 1953 begann hier der Aufstand der Bauarbeiter. Nach dem Mauerfall wurde das Viertel um Boxhagener Platz und Simon-Dach-Straße zum Treffpunkt der Clubszene. An der Spree steht mit der East Side Gallery das längste erhaltene Mauerstück: 1.316 Meter, 1990 von 118 Künstlerinnen und Künstlern bemalt, seit 1991 unter Denkmalschutz. Oberbaumbrücke und RAW-Gelände markieren die Nahtstelle zu Kreuzberg.

  • Volkspark Friedrichshain
  • Karl-Marx-Allee
  • Boxhagener Platz
  • East Side Gallery
  • Oberbaumbrücke
  • RAW-Gelände

Bezirk Mitte · eigener Bezirk 1920–2000

Wedding

„Der Wedding kommt“, heißt es in Berlin seit Jahrzehnten – und er lässt sich Zeit. Der Ortsteil nördlich der Innenstadt war die Wiege der Berliner Industrie: 1837 legte August Borsig an der Chausseestraße den Grundstein seiner Maschinenfabrik, später folgten die Werke von AEG an der Brunnenstraße. Der „rote Wedding“ war in der Weimarer Republik eine Hochburg der Arbeiterbewegung. In der Teilung lag er im französischen Sektor, die Mauer verlief an der Bernauer Straße, wo heute die Gedenkstätte Berliner Mauer den Verlauf nachzeichnet. Der Wedding ist bis heute ein Viertel der Einwanderung, der Imbisse und Werkstätten rund um Leopoldplatz und Müllerstraße, mit niedrigeren Mieten als in den Nachbarortsteilen. Seine grüne Mitte ist der Volkspark Humboldthain mit Rosengarten und dem Flakturm, von dessen Plattform man die ganze Stadt überblickt; im Westen liegt der Plötzensee mit seinem Strandbad.

  • Leopoldplatz
  • Müllerstraße
  • Volkspark Humboldthain
  • Bernauer Straße
  • Plötzensee
  • Brunnenstraße
Straße in Berlin mit Altbaufassaden und parkenden Fahrrädern
Alltag im Kiez: Altbau, Fahrrad, Hinterhof. Foto: Ayadi Ghaith / Unsplash

Warum Kieze?

Hintergrund

Mit dem Groß-Berlin-Gesetz vom 1. Oktober 1920 wurden sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu einer Kommune mit rund 3,8 Millionen Menschen zusammengefasst. Charlottenburg, Neukölln, Spandau oder Köpenick waren zuvor eigenständige Städte mit eigenem Rathaus, eigener Verwaltung, eigenem Stolz. Vieles davon ist geblieben: Berlin hat kein echtes Zentrum, sondern viele. Wer heute von Kiezen spricht, benutzt die alte Vielfalt als Maßstab für die neue.

Berlin ist eine Stadt ohne Mitte – und genau das ist ihre Mitte.Redaktion Berlinmomente

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