Berlin ist für eine europäische Hauptstadt jung. Als Köln schon römische Mauern hatte und Paris Kathedralen baute, standen an der Spree zwei Kaufmannssiedlungen auf sandigem Grund. Dass aus ihnen eine Weltstadt wurde, verdankt sich nicht der Lage, sondern Entscheidungen: der Wahl zur Residenz, dem Zuzug der Hugenotten, dem Eisenbahnbau, der Reichsgründung. Und ebenso oft wurde die Stadt zum Schauplatz von Brüchen, die nicht sie selbst gewählt hat.
Die Zeitleiste
Sieben Etappen-
1237
Zwei Städte an einer Furt
Am 28. Oktober 1237 wird Cölln auf der Spreeinsel erstmals urkundlich erwähnt, 1244 folgt Berlin auf dem gegenüberliegenden Ufer. Das Jahr 1237 gilt seither als offizielles Gründungsjahr der Stadt. Die Lage an einer Furt, wo sich Fernhandelswege kreuzen, macht die Doppelstadt zum Umschlagplatz für Getreide, Holz und Fisch. 1307 schließen sich Berlin und Cölln zu einer Union mit gemeinsamem Rathaus zusammen, um 1360 tritt die Doppelstadt der Hanse bei. Um 1400 leben hier etwa 8.500 Menschen in rund 1.100 Häusern.
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1701
Residenz der Kurfürsten, Hauptstadt der Könige
Mit den Hohenzollern, die 1415 die Mark Brandenburg erhalten, beginnt Berlins Aufstieg zur Residenz. Nach dem Dreißigjährigen Krieg holt Kurfürst Friedrich Wilhelm Glaubensflüchtlinge in die Stadt, 1685 öffnet das Edikt von Potsdam den Hugenotten die Tore. Am 18. Januar 1701 lässt sich Kurfürst Friedrich III. in Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen krönen – Berlin wird königliche Residenzstadt. Im 18. Jahrhundert entstehen Zeughaus, Schloss Charlottenburg, Gendarmenmarkt und das Forum Fridericianum Unter den Linden. Um 1800 zählt die Stadt rund 170.000 Einwohner, darunter 25.000 Soldaten.
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1837
Die Fabrikstadt
Im Jahr 1837 legt August Borsig an der Chausseestraße vor dem Oranienburger Tor den Grundstein seiner Maschinenfabrik. Es folgen Siemens & Halske (1847), Schwartzkopff (1852), Schering (1864) und die AEG (1883). Berlin wird zur größten Industriestadt des Kontinents, „Elektropolis“ genannt. Die Einwohnerzahl explodiert: 1871, als Berlin Hauptstadt des neu gegründeten Deutschen Reichs wird, leben 826.815 Menschen innerhalb der Stadtgrenzen, dazu über 100.000 in den Vororten. Die Folge sind Mietskasernen mit engen Hinterhöfen in Wedding, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain – und ein wachsendes Netz von Pferde-, später Straßenbahnen, Stadt- und Ringbahn.
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1920
Groß-Berlin und die Goldenen Zwanziger
Am 1. Oktober 1920 tritt das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft: Sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke werden zu einer Kommune mit 20 Bezirken und rund 3,8 Millionen Einwohnern verschmolzen; die Stadtfläche wächst von rund 65 auf 878 Quadratkilometer. 1925 zählt Berlin über vier Millionen Menschen und gehört damit zu den größten Städten der Welt. Es sind die Jahre von Brecht und Dix, von Einstein und Fritz Lang, der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ 1928 am Schiffbauerdamm, des neuen Flughafens Tempelhof (1923) und der Hufeisensiedlung in Britz. Zugleich prägen Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Straßenkämpfe das Jahrzehnt, das 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endet.
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1961
Teilung und Mauer
Nach dem Zweiten Weltkrieg, der weite Teile der Innenstadt in Trümmer gelegt hat, wird Berlin in vier Sektoren geteilt. Die Blockade 1948/49 und die Luftbrücke zementieren die Spaltung in West- und Ost-Berlin. Am 13. August 1961 riegelt die DDR die Sektorengrenze ab; in den folgenden Tagen und Jahren wächst daraus die Berliner Mauer, ein Sperrsystem von fast 170 Kilometern Länge rund um West-Berlin. Mindestens 136 Menschen sterben bei Fluchtversuchen; die genaue Zahl ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Osten entstehen Fernsehturm, Alexanderplatz und Palast der Republik, im Westen Kulturforum, Europa-Center und das Märkische Viertel. Zwei Stadthälften, zwei Systeme, eine gemeinsame Sprache.
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1989
Mauerfall und Wiedervereinigung
Am Abend des 9. November 1989 öffnen die Grenzübergänge – zuerst an der Bornholmer Straße. Die Bilder tanzender Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor gehen um die Welt. Am 3. Oktober 1990 tritt die DDR der Bundesrepublik bei, Berlin wird wieder eine Stadt und zugleich ein Bundesland. In den 1990er Jahren folgen die Sanierung der Altbauquartiere im Osten, die Neubebauung des Potsdamer Platzes, der Abriss der Mauer bis auf wenige Reste wie die East Side Gallery und die Bernauer Straße – und eine Zwischenzeit der leeren Räume, in der die Berliner Clubkultur entsteht.
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1991
Hauptstadtbeschluss und Umzug
Am 20. Juni 1991 entscheidet der Bundestag nach einer zehnstündigen Debatte mit 338 zu 320 Stimmen, dass Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin wechseln. Der Umzug dauert acht Jahre: Am 19. April 1999 übergibt Norman Foster den umgebauten Reichstag an den Bundestag, am 8. September 1999 tagt das Parlament dort erstmals regulär, und im Spätsommer 1999 ziehen Kanzleramt und die meisten Ministerien an die Spree. Berlin ist seither Hauptstadt der „Berliner Republik“ – und wächst wieder: Ende 2025 leben 3.700.577 Menschen in der Stadt, so viele wie seit Jahrzehnten nicht.
Was von den Epochen blieb
LesehilfeMan kann die Berliner Geschichte an den Fassaden ablesen, wenn man weiß, wohin man schaut. Die Nikolaikirche in Mitte steht auf den Fundamenten der Stadtgründung. Das Zeughaus Unter den Linden ist Barock der Kurfürstenzeit, das Brandenburger Tor Klassizismus der Könige. Die Mietskasernen von Wedding bis Neukölln sind das Erbe der Fabrikstadt, die Hufeisensiedlung das der Reformer der Zwanziger. Die Karl-Marx-Allee und das Hansaviertel erzählen vom Wettbewerb der Systeme, der Reichstag mit seiner Glaskuppel vom Neuanfang nach 1990.
Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.Karl Scheffler, Kunstkritiker, 1910
Schefflers Satz aus dem Jahr 1910 wird in Berlin bis heute gern zitiert, meist mit einem Schulterzucken. Er war als Kritik gemeint. Die Stadt hat ihn zum Motto gemacht.