Berlinmomente
Moderne Architektur in Berlin mit klaren Linien und Glasfassade
Rubrik 03

Architektur

Klassizismus, Kaiserzeit, Moderne, Zuckerbäckerstil, Hightech: Berlin hat jede Epoche gebaut, oft direkt nebeneinander. Ein Spaziergang in neun Stationen – vom Pariser Platz bis zum Tempelhofer Feld.

Foto: Simon Vollformat / Unsplash

Berlin hat keine einheitliche Silhouette und keinen Stil, der die Stadt definiert. Was es hat, sind Kontraste auf engstem Raum: Ein preußisches Stadttor blickt auf eine Glaskuppel, ein DDR-Fernsehturm steht über einem Dom der Kaiserzeit, eine sozialistische Prachtstraße endet an einem Platz der Nachwendemoderne. Diese Route folgt grob der Zeit – und der Stadt von Ost nach Südwest.

Pariser Platz · Mitte

Brandenburger Tor

Carl Gotthard Langhans baute das Tor zwischen 1789 und 1793 als Abschluss der Straße Unter den Linden – nach dem Vorbild der Propyläen, des Eingangs zur Athener Akropolis. Es war das erste bedeutende Bauwerk des Klassizismus in Berlin und zugleich ein Stadttor der Zollmauer, durch das man nach Brandenburg hinausfuhr. Die Quadriga von Johann Gottfried Schadow, 1793 aufgesetzt, wurde 1806 von Napoleon nach Paris entführt und 1814 zurückgeholt. Im 20. Jahrhundert stand das Tor im Niemandsland der Mauer; seit dem 9. November 1989 ist es das Symbol der Wiedervereinigung. Rund 20 Meter hoch, 26 Meter bis zur Spitze der Quadriga: ein Bauwerk, das kleiner ist, als man denkt, und größer, als man es je fotografieren kann.

Platz der Republik · Tiergarten

Reichstag und Foster-Kuppel

Paul Wallot errichtete das Reichstagsgebäude 1884 bis 1894 im Stil der Neorenaissance für das Parlament des Kaiserreichs. In der Nacht zum 28. Februar 1933 brannte der Plenarsaal aus; der Brand lieferte den Nationalsozialisten den Vorwand für die Verfolgung politischer Gegner. 1945 schwer beschädigt, in den 1960er Jahren vereinfacht wiederaufgebaut, lag das Haus bis 1990 direkt an der Mauer. Nach dem Hauptstadtbeschluss gewann Norman Foster den Wettbewerb für den Umbau. Seine begehbare Glaskuppel, 23,5 Meter hoch, mit einer Spitze 47 Meter über dem Boden, lenkt über einen Spiegeltrichter Tageslicht in den Plenarsaal und erlaubt den Blick von oben auf die Abgeordneten. Am 19. April 1999 wurde das Gebäude dem Bundestag übergeben.

Alexanderplatz · Mitte

Fernsehturm

Mit 368 Metern ist der Berliner Fernsehturm das höchste Bauwerk Deutschlands. Gebaut wurde er von 1965 bis 1969 nach einem Entwurf, an dem unter anderem Hermann Henselmann, Fritz Dieter und Günter Franke beteiligt waren; am 3. Oktober 1969 wurde er offiziell fertiggestellt, vier Tage später für das Publikum geöffnet. Die DDR wollte mit ihm ein weithin sichtbares Zeichen setzen – und tatsächlich ist er von fast jedem Punkt der Stadt zu sehen, auch aus dem früheren Westen. Die Kugel in rund 200 Metern Höhe birgt die Aussichtsetage auf etwa 203 Metern und ein Drehrestaurant. Berliner Spott nannte ihn „Telespargel“; die Reflexion der Sonne auf der Kugel, die ein Kreuz zu bilden scheint, hieß „Rache des Papstes“. Heute ist er parteiübergreifend das Wahrzeichen Berlins.

Spreeinsel · Mitte

Museumsinsel

Auf der Nordspitze der Spreeinsel, wo einst Cölln gegründet wurde, entstand zwischen 1824 und 1930 ein Ensemble aus fünf Museumsbauten: das Alte Museum Karl Friedrich Schinkels, das Neue Museum von Friedrich August Stüler, die Alte Nationalgalerie, das Bode-Museum an der Inselspitze und das Pergamonmuseum. Die Idee, Kunst und Wissenschaft in einem „Freistatt“ für das Bürgertum zu versammeln, machte die Insel zum Vorbild für Museumsquartiere weltweit. 1999 nahm die UNESCO die Museumsinsel in die Welterbeliste auf. Das im Krieg zerstörte Neue Museum wurde von David Chipperfield als Ruine mit Ergänzungen wiederhergestellt und 2009 wiedereröffnet; die James-Simon-Galerie als neues Eingangsgebäude folgte 2019. Das Pergamonmuseum wird derzeit über viele Jahre saniert.

Lustgarten · Mitte

Berliner Dom

Der heutige Dom am Lustgarten ist das dritte Kirchengebäude an dieser Stelle. Julius Raschdorff baute ihn 1894 bis 1905 als Hauptkirche des preußischen Protestantismus und als Grablege der Hohenzollern, in einer Mischung aus Neorenaissance und Neobarock, die Wilhelm II. als angemessenes Gegenstück zum Petersdom verstand. Eingeweiht wurde er am 27. Februar 1905. Im Zweiten Weltkrieg stürzte die Kuppellaterne in den Innenraum; der Wiederaufbau zu DDR-Zeiten reduzierte die Höhe des Bauwerks von ursprünglich 114 auf 98 Meter und vereinfachte die Kuppel. Der Innenraum wurde 1993 wiedereröffnet, das letzte Kuppelmosaik 2002 enthüllt. In der Hohenzollerngruft stehen rund 90 Särge und Sarkophage von Mitgliedern der Dynastie, darunter Kurfürst Johann Cicero und König Friedrich I.

Rosenthaler Straße · Mitte

Hackesche Höfe

Acht Höfe hintereinander, verbunden durch Durchgänge, auf einem Grundstück zwischen Rosenthaler Straße und Sophienstraße: Die Hackeschen Höfe, 1905 bis 1907 nach Plänen von Kurt Berndt gebaut und am 23. September 1906 eröffnet, waren ein Modell der Reformbewegung – Wohnen, Arbeiten und Vergnügen unter einem Dach, mit Licht und Luft in jedem Hof. Den ersten Hof gestaltete August Endell mit glasierten Klinkern in Blau, Grün, Weiß und Gold; seine Fassade gilt als eines der wichtigsten Jugendstilwerke Berlins, auch wenn Endell selbst den Begriff ablehnte. In der DDR verfielen die Höfe, nach 1990 wurden sie bis 1997 saniert und zum Vorbild für die Wiederbelebung der Spandauer Vorstadt. Heute sind sie einer der meistbesuchten Orte Berlins und, in den hinteren Höfen, immer noch ein Wohnort.

Friedrichshain · ehemals Stalinallee

Karl-Marx-Allee

Die Frankfurter Allee hieß ab dem 21. Dezember 1949 Stalinallee und ab dem 13. November 1961 Karl-Marx-Allee – am selben Tag wurde das Stalin-Denkmal abgetragen. Zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor entstanden in den 1950er Jahren die „Arbeiterpaläste“: bis zu neungeschossige Wohnblöcke mit Keramikfassaden, Säulenportalen und Türmen, orientiert an sowjetischen Vorbildern und, wie es damals hieß, „national in der Form“. Hermann Henselmanns Hochhaus an der Weberwiese von 1952 setzte den Maßstab. Hier begann am 17. Juni 1953 der Volksaufstand, als Bauarbeiter gegen Normerhöhungen streikten. Der zweite Bauabschnitt in Richtung Alexanderplatz, ab 1959, wechselte zur industriellen Plattenbauweise mit Kino International und Café Moskau. Die gesamte Achse steht unter Denkmalschutz und wird zusammen mit dem Hansaviertel als Welterbe vorgeschlagen.

Tiergarten · Interbau 1957

Hansaviertel

Was der Osten mit der Stalinallee vorführte, beantwortete der Westen mit der Internationalen Bauausstellung Interbau 1957 im kriegszerstörten Hansaviertel am Rand des Tiergartens. 53 Architekten aus 13 Ländern – darunter Walter Gropius, Alvar Aalto, Oscar Niemeyer, Egon Eiermann und Arne Jacobsen – errichteten eine lockere Stadtlandschaft aus Punkthochhäusern, Zeilenbauten und Einfamilienhäusern im Grünen, mit Kirche, Bibliothek, U-Bahnhof und Einkaufszentrum. Das Ideal hieß „Stadt von morgen“: Licht, Luft, Sonne, Abstand. Le Corbusiers Unité d’Habitation entstand im Rahmen derselben Ausstellung, allerdings am Olympiastadion in Westend. Das Hansaviertel ist heute ein Gartendenkmal und ein bewohntes Museum der Nachkriegsmoderne, in dem die Bäume längst höher sind als manche Häuser.

Tempelhof-Schöneberg / Neukölln

Tempelhofer Feld

Zum Abschluss kein Gebäude, sondern ein Stück Himmel über der Stadt. Der Flughafen Tempelhof, 1923 eröffnet, bekam 1936 bis 1941 nach Plänen von Ernst Sagebiel sein über einen Kilometer langes, bogenförmiges Abfertigungsgebäude, bis heute eines der größten Bauwerke Europas. 1948/49 landeten hier die „Rosinenbomber“ der Luftbrücke. Am 30. Oktober 2008 endete der Flugbetrieb, am 8. Mai 2010 öffnete das Feld als Park – rund 300 Hektar Wiese, zwei Start- und Landebahnen, Grillplätze, Gemeinschaftsgärten, Lerchenbrutgebiete. Am 25. Mai 2014 stimmten die Berlinerinnen und Berliner in einem Volksentscheid mit klarer Mehrheit gegen eine Randbebauung. Das Feld ist seitdem das vielleicht demokratischste Bauwerk der Stadt: eine Entscheidung, nichts zu bauen.

Der Berliner Fernsehturm von unten fotografiert
Blickfang: Der Fernsehturm ist von fast jedem Punkt Berlins sichtbar. Foto: Nikolai Kolosov / Unsplash

Berlin baut gegen sich selbst

Kommentar

Kaum eine Stadt hat so oft versucht, sich durch Architektur neu zu erzählen. Die preußischen Könige bauten ein Athen an der Spree, das Kaiserreich ein zweites Rom, die Nationalsozialisten planten „Germania“, die DDR ihre sozialistische Hauptstadt, West-Berlin das Schaufenster der freien Welt. Nach 1990 kamen Potsdamer Platz, Regierungsviertel und das rekonstruierte Schloss als Humboldt Forum dazu.

Jede Epoche wollte die vorige übertönen. Geblieben ist ein Chor, der nie einstimmig singt – und genau deshalb so gut klingt.

Wer Berlin baulich verstehen will, sollte deshalb nicht nach dem Schönsten suchen, sondern nach den Nahtstellen: dort, wo Karl-Marx-Allee und Alexanderplatz aneinanderstoßen, wo Hansaviertel und Tiergarten verschwimmen, wo Schinkel und Chipperfield auf der Museumsinsel ein Gespräch über 180 Jahre hinweg führen.

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