Berlinmomente
Die Spree in Berlin mit Uferpromenade und Bäumen
Rubrik 04

Grünes Berlin

Rund 39 Prozent der Stadtfläche sind Grün- oder Erholungsfläche, dazu kommen Flüsse, Kanäle und Seen. Berlin ist eine Stadt, in der man vom Regierungsviertel aus in den Wald radeln kann. Sieben Orte.

Foto: Simon Vollformat / Unsplash

Berlin liegt im Urstromtal, auf Sand, zwischen Seenketten, die die letzte Eiszeit hinterlassen hat. Das erklärt vieles: die Kiefernwälder im Westen und Südosten, die Havel- und Dahmeseen, die träge Spree, die sich auf 44 Kilometern durch die Stadt schiebt. Und es erklärt, warum die Berliner ihr Grün so ernst nehmen – es war immer schon da, lange vor der Stadt.

Mitte · 210 Hektar

Großer Tiergarten

Der Tiergarten war einmal genau das: ein kurfürstliches Jagdrevier vor den Toren der Stadt. Peter Joseph Lenné, 1818 mit der Umgestaltung beauftragt, verwandelte ihn zwischen 1833 und 1840 in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild, mit geschwungenen Wegen, Wasserläufen und weiten Wiesen. Nach 1945 war er fast verschwunden: Von rund 200.000 Bäumen standen noch etwa 700, der Rest war als Brennholz verheizt, die Flächen zu Kartoffeläckern umgegraben. Ab dem 17. März 1949 wurde neu gepflanzt, westdeutsche Städte spendeten rund 250.000 Jungbäume. Heute ist der Tiergarten mit 210 Hektar die grüne Mitte Berlins, durchschnitten von der Straße des 17. Juni, mit Siegessäule, Schloss Bellevue, Neuem See und dem Englischen Garten. Er ist Park, Verkehrsachse, Denkmallandschaft und Picknickwiese zugleich.

Tempelhof-Schöneberg / Neukölln · rund 300 Hektar

Tempelhofer Feld

Als am 8. Mai 2010 die Zäune des stillgelegten Flughafens Tempelhof geöffnet wurden, bekam Berlin über Nacht eine seiner größten Freiflächen zurück. Zwei Start- und Landebahnen, ein kreisrunder Horizont, kein Baum, der den Blick verstellt: Das Feld ist eine Landschaft, wie es sie in keiner anderen europäischen Hauptstadt gibt. Skater und Kitesurfer nutzen die Pisten, Gemeinschaftsgärten wachsen auf Paletten, in den Wiesenflächen brüten Feldlerchen, weshalb große Bereiche im Frühjahr und Sommer gesperrt sind. Der Volksentscheid vom 25. Mai 2014 stoppte Pläne für eine Randbebauung mit Wohnungen; die Debatte darüber flammt angesichts des Wohnungsmangels regelmäßig wieder auf. Bis dahin bleibt das Feld, was es seit 2010 ist – der Ort, an dem Berlin am weitesten sehen kann.

Treptow-Köpenick · 84 Hektar

Treptower Park

Der Treptower Park an der Spree wurde zwischen 1876 und 1888 nach Plänen von Gustav Meyer angelegt, dem ersten Berliner Stadtgartendirektor, der bereits den Volkspark Friedrichshain und den Humboldthain entworfen hatte; nach Meyers Tod 1877 vollendete sein Nachfolger Hermann Mächtig die Anlage. 1896 fand hier die Berliner Gewerbeausstellung statt; aus dieser Zeit stammen der Karpfenteich, die Archenhold-Sternwarte mit einem der längsten Linsenfernrohre der Welt und die Abteibrücke zur Insel der Jugend. Die Mitte des rund 84 Hektar großen Parks nimmt seit 1949 das Sowjetische Ehrenmal ein, die größte Anlage dieser Art in Deutschland: eine Achse aus Granit mit zwei stilisierten Fahnen, Sarkophagen mit Reliefs und einer monumentalen Bronzefigur eines Soldaten, der ein Kind trägt und ein zerschlagenes Hakenkreuz unter seinem Stiefel hat. Das Ehrenmal, zwischen 1946 und 1949 errichtet, ist zugleich Soldatenfriedhof für mehrere tausend hier bestattete Rotarmisten. Am Ufer entlang verläuft der Spreeweg bis zur Plänterwald-Schleife.

Treptow-Köpenick · über 7 Quadratkilometer

Müggelsee

Der Große Müggelsee ist Berlins größter See: mehr als 7,4 Quadratkilometer Wasserfläche, bis zu acht Meter tief, durchflossen von der Spree, die hier als Müggelspree hineinkommt und auf der anderen Seite in Richtung Köpenick weiterzieht. An seinem Südufer steigen die Müggelberge auf 115 Meter an, die höchste natürliche Erhebung Berlins – die künstlichen Trümmerberge Teufelsberg und Arkenberge sind höher. Rund um den See liegen Friedrichshagen mit seiner Bölschestraße, Rahnsdorf mit dem Fischerdorf und das Strandbad Müggelsee am Nordostufer. Im Winter friert der See regelmäßig zu, im Sommer verkehren Ausflugsschiffe. Für Berlin ist der Müggelsee auch Trinkwasserreservoir: Das Wasserwerk Friedrichshagen am Nordufer gehört zu den größten Europas.

Steglitz-Zehlendorf · Havel-Bucht

Wannsee

Der Große Wannsee ist genau genommen eine Bucht der Havel, 2,5 Kilometer lang, gesäumt von Villen, Segelclubs und Kiefern. Das Strandbad Wannsee am Ostufer eröffnete 1907 und erhielt um 1930 seine von der Neuen Sachlichkeit geprägten Hallen nach Entwurf von Richard Ermisch, auf Grundlage eines Konzepts von Stadtbaurat Martin Wagner; mit über einem Kilometer Sandstrand ist es eines der größten Freibäder an einem Binnengewässer in Europa und ein Stück West-Berliner Alltagsgeschichte. „Pack die Badehose ein“ sang Conny Froboess 1951 – gemeint war der Wannsee. Am gegenüberliegenden Ufer steht die Villa Marlier, in der am 20. Januar 1942 hohe NS-Funktionäre die Organisation des Völkermords an den europäischen Juden besprachen; seit 1992 ist sie Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Vom Wannsee aus fahren Fähren zur Pfaueninsel und nach Kladow, und über die Glienicker Brücke ist man in Potsdam.

Quer durch die Stadt · 44 km Spree, knapp 11 km Kanal

Spree und Landwehrkanal

Die Spree kommt aus der Lausitz, durchquert Berlin auf 44 Kilometern und mündet in Spandau in die Havel. Sie ist ein extrem langsamer Fluss, in der Stadt im Mittel nur etwa neun Zentimeter pro Sekunde – in trockenen Sommern hat sie an der Mühlendammschleuse schon rückwärts geflossen. An ihr entlang reihen sich Museumsinsel, Regierungsviertel, Oberbaumbrücke und Osthafen; auf ihr fahren Ausflugsschiffe, Lastkähne und Ruderboote. Der Landwehrkanal wurde 1845 bis 1850 als Entlastung der Spree gebaut, auf eine Idee Peter Joseph Lennés zurückgehend, und am 2. September 1850 eröffnet. Auf fast elf Kilometern zieht er von Treptow durch Kreuzberg, Neukölln und Tiergarten bis Charlottenburg. Heute ist er Berlins beliebteste Uferpromenade: Maybachufer, Paul-Lincke-Ufer, Admiralbrücke und der Urbanhafen sind an Sommerabenden voller Menschen, die einfach nur sitzen und schauen.

Charlottenburg-Wilmersdorf / Steglitz-Zehlendorf · rund 3.000 Hektar

Grunewald

Der Grunewald ist mit rund 3.000 Hektar das größte zusammenhängende Waldgebiet im Westen Berlins, ein Kiefern- und Mischwald zwischen Havel und den Villenkolonien von Westend bis Wannsee. Seinen Namen gab das Jagdschloss Grunewald am Grunewaldsee, 1542 für Kurfürst Joachim II. erbaut und damit das älteste erhaltene Schloss Berlins. Im Wald liegt der Teufelsberg, mit 120 Metern die zweithöchste Erhebung der Stadt, aufgeschüttet aus den Trümmern des zerstörten Berlins; auf seinem Gipfel steht die Ruine einer amerikanischen Abhörstation aus dem Kalten Krieg. Am Havelufer erhebt sich der Grunewaldturm, von dem man über die Seenkette bis Potsdam blickt. Zwischen Krumme Lanke, Schlachtensee und Teufelssee verlaufen Wege, auf denen an Wochenenden halb Westberlin spaziert, joggt oder badet – und doch findet man im Grunewald noch Stille.

Wasserstadt

Hintergrund

Etwa ein Viertel der Berliner Stadtfläche ist als Wasserschutzgebiet ausgewiesen; die Stadt gewinnt ihr Trinkwasser fast vollständig aus dem eigenen Grundwasser, angereichert durch Uferfiltrat von Spree, Havel und Müggelsee. Das macht die Gewässer zu mehr als Kulisse: Sie sind Infrastruktur. Wer an einem Sommerabend am Landwehrkanal sitzt, sitzt an einem Bauwerk des 19. Jahrhunderts, das bis heute funktioniert.

Berlin ist auf Sand gebaut – und das ist, bei näherem Hinsehen, ein Kompliment.

Der Sand des Urstromtals filtert, speichert, trägt Kiefern und lässt im Frühjahr die Robinien blühen. Er macht die Stadt zu einer der grünsten Metropolen Europas, ohne dass sie es jemandem beweisen müsste.

Zurück zu den Kiezen

Brandenburger Tor und Fernsehturm im Abendlicht
Stadt und Himmel: Blick über den Pariser Platz. Foto: Ansgar Scheffold / Unsplash